Wie Du Deinen Keim wiederfindest

by Elisa
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Kennst Du das auch? Du lebst Dein Leben und auf einmal passieren Dinge, treten Umstände ein, mit denen Du nicht gerechnet hast. Veränderung ist gut, Stillstand ist der Tod – könnte man sagen. Aber was, wenn diese Veränderungen kraftraubend sind, Situationen eintreten, die andere negative heraufbeschwören und Platz schaffen für den miesen kräftezehrenden Missmut in Deinem Leben. Mir geht es gerade ähnlich, seit Monaten habe ich es eigentlich nicht mehr geschafft, mal kurz innezuhalten, kurz durchzuatmen, genügend Kraft zu tanken, um einen Vorrat zu haben, den man für die schwierigen Situationen nutzen kann, anstatt ständig zu versuchen, ein Minus auszugleichen, um überhaupt wieder ein bisschen Energie zu haben. Alles, was mir als Lösung einfällt, ist, meine Gedanken hier mit Dir zu teilen und das Experiment zu wagen, den Ausweg, wie auch schon bezogen auf andere Themen, in der Natur zu suchen.

Die Natur befindet sich in einem ständigen Wandel, das wissen wir alle. Einerseits in einem natürlichen, der mit den Jahreszeiten einhergeht und der sie in einen unaufhörlichen Kreislauf einbindet. Dieser Kreislauf beinhaltet am Ende auch ein Sterben – eines, das notwendig ist, da es die Grundlage für Neues bietet. Daneben unterliegt sie aber auch einem gemachten Wandel, einem, der durch die Einwirkung von außen zustandekommt. Du weißt, was ich meine – Worte wie Klimawandel, Erderwärmung, Umweltzerstörung sind in den täglichen Sprachgebrauch eingegangen und wir haben uns, meiner Ansicht nach, leider viel zu sehr daran gewöhnt, um noch erkennen zu können, was das eigentlich bedeutet. Lass uns zur Beantwortung ein Gedankenspiel machen: Welche Folgen hat es, wenn Du mit eigenen Aufgaben und Missionen in Deinem Leben genügend beschäftigt bist, sie Dich eigentlich vollständig ausfüllen und nun plötzlich eben diese Umstände von außen kommen, die Dich zwingen, anders zu handeln? Mit neuen Problemen umzugehen, die Du vorher nie bedacht hast? Du gezwungen wirst, ihnen in Deinem erfüllten Leben Platz einzuräumen, der anderes verdrängt? Ich zum Beispiel lebe ein sehr vollgepacktes Leben: Studium, Tierrechtsaktivismus, Ehrenamt, Musikunterricht, Hörbücher einlesen, daneben verschiedene kulturelle Interessen, die mich oft ins Museum, in Ausstellungen, in die Oper ziehen. All das erfüllt mich, bereitet mir ein abwechslungsreiches Leben, ich brauche diese Fülle, damit ich mich irgendwie lebendig fühle, diese Beschäftigung und das Wachsen daran ist für mich in gewisser Weise der Antrieb. So läuft also alles rund, das Getriebe ist vollständig und nun kommen die angesprochenen Probleme von außen, die fordern, in ein eigentlich perfektes und schon komplexes System, Zahnräder einzubauen, die dafür nicht vorgesehen sind, die eine zusätzliche Reibung und Abnutzung verursachen. So beginnt das Getriebe zu verschleißen, es wird immer brüchiger und schließlich gelingt es einem nicht mehr nur nicht, die neuen Rädchen ins System einzugliedern, sondern auch nicht, das alte, das man sich aufgebaut hat, zusammen zu halten. Die letzte Konsequenz, die eintritt, ist, dass das alte ganz zerfällt und von dem neuen Getriebe ersetzt wird. Eines, das nur noch aus den Anforderungen von außen besteht, das nur damit beschäftigt ist, sich selbst in Gang zu halten. In diesem Zustand angelangt, definiert sich das Leben nur noch darüber, wie Probleme gelöst werden können. Selbst kleinste schwierige Situationen, das habe ich selbst erlebt, werden fast unüberwindbar. Jedes Hindernis, das einem in den Weg gestellt wird, ist ein zusätzliches Problem, das einen aus der Bahn werfen kann, weil man den sicheren Halt verloren hat, weil das Grundgetriebe, das sonst die Kraft gegeben hat, instabil oder ganz zerbröckelt worden ist. Der Teufelskreis an der Sache ist, dass dadurch die Kraft fehlt, die nötig wäre, um die Zahnrädchen nach und nach wieder durch die zu ersetzen, die dem Leben den wirklichen Antrieb geben. Dazu müsste man nämlich die in den Weg gestellten Probleme lösen – doch dazu braucht man Energie, die man nicht hat. So werden ganz im Gegenteil auch Situationen zu Problemen, die eigentlich keine wären, sondern nur eine konstruktive Lösung bräuchten. Das führt dazu, dass man einfach nur noch vor seiner riesigen, unüberschaubaren Problemmaschine stehen und hoffen kann, dass sie irgendwann zum Stillstand kommt. Für ein Eingreifen ist sie viel zu groß geworden, die mächtigen Räder drehen sich unaufhörlich und zaghafte Versuche, einen Stein zwischen sie zu werfen, werden mit großem Getöse zermalmt.

Am Chiemsee © Elisa Hanusch

Bezogen auf die Natur ist es ähnlich, mit dem gravierenden und essentiellen Unterschied, dass ihr Grundgetriebe nie stehenbleiben wird. Es werden einzelne Rädchen und Schräubchen zerbröckeln und immer wieder Bestandteile ihres Innersten wegfallen und das auch oft in gravierendem Maß, wie zum Beispiel das Aussterben so unglaublich vieler Tier-und Pflanzenarten. Für die Uni habe ich letztes Semester eine Arbeit geschrieben, die beleuchtet, dass sogar der Haussperling, besser bekannt als Spatz, eine für uns selbstverständliche Vogelart, bereits als bedroht gilt. Urwälder verschwinden, Gletscher schmelzen, Schutzgebiete werden zerstört, Tiere ausgerottet, aber immer bleibt der Kern, der unablässig fortarbeitet. Das Wachsen und Sterben, das Gedeihen und Verblühen bleibt bestehen. Und das Schöne ist: Sobald sich der Natur die Möglichkeit bietet, ein problematisches, von außen eingebautes Zahnrädchen wieder zu ersetzen, tut sie es.

Pflanzt jemand einen Baum dort, wo vorher nichts mehr war, wird ein Vogel kommen und sein Nest darin bauen. Oder konkreter: Stelle ein Vogelhaus und eine Schüssel mit Wasser und Futter auf Deinen Balkon oder in Deinen Garten und es wird angenommen werden, es wird dort Leben geben, wo vorher nichts möglich war.

© Elisa Hanusch

Was lernen wir also daraus? Ich denke, was die Natur mir und vielleicht auch Dir, falls Du Dich in einer ähnlichen Situation befindest, voraus hat, ist, dass sie nie zulassen wird, dass man ihr Grundgetriebe ersetzt. Es bleibt immer in einen ewigen Kreislauf eingebunden und egal wie viel von außen darauf einwirkt – es arbeitet unablässig fort, es scheint eine autarke Kraftquelle zu besitzen, die nie versiegt. Und so kann sie, sobald man ihr einen kleinen Quell an zusätzlicher Kraft zukommen lässt, sofort wieder über sich selbst, über das, was von ihr übrig ist, hinaus wachsen, aus dem Vollen schöpfen, die kleinste Grundlage zu etwas Großem werden lassen. Und das müssen wir auch schaffen. Du darfst nicht allem anderen den Platz einräumen, bis nichts mehr von Dir selbst übrig ist. Du brauchst Deinen Grundrhythmus, den Du um keinen Preis aufgeben darfst, so, wie die Natur nie ihre Jahreszeiten aufgeben wird, egal, wie viel man ihr antut. Und wenn die Situation bereits so festgefahren ist, wie in meinem Fall, dann lass alles stehen und liegen und geh raus in die Natur, spüre, welche Energie von ihr ausgeht und vielleicht kann sie Dir etwas davon abgeben, kann den Keim, der Deinen alten Rhythmus wieder zurückbringt, in Dir säen. Oder Du findest einen anderen Weg ihn wiederzuentdecken.

Konzentriere Dich auf Dich selbst, verliere Dich nicht an Probleme, versuche, Dich nicht über sie zu definieren.

Vielleicht musst Du Dir auch erst einmal bewusst werden, wie Dein Grundgetriebe, Dein Keim oder wie Du es auch immer nennen willst, überhaupt aussieht, um Dich dann in Notsituationen darauf fokussieren zu können. Dann kannst Du wieder daraus schöpfen, kannst wie die Natur selbst aus kleinen Quellen einen Fluss entstehen lassen, der Dich  weiter trägt. Als ich begonnen habe, diesen Beitrag zu schreiben, wusste ich nicht, wo er mich hinführen wird, ich hatte mir nur vorgenommen, wie bei allen meinen Beträgen, die Natur zu befragen und mich in ihr zu suchen – mit den ganzen Problemen, mit den ganzen Sorgen. Ich bin fündig geworden und auch ich werde versuchen, sie als Vorbild zu nehmen. Vielleicht ist das die Lösung. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Was meinst Du?

Mit keimenden Grüßen

Deine Elisa

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