Was ist Wert und wer bestimmt den?

by Elisa
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Heute ist ein anstrengender Unitag. Irgendwie zieht es sich, die Masterarbeit sitzt mir im Nacken und vieles will einfach nicht so, wie ich. Was also tun, wenn man nach 1,5 Stunden Gliederung schreiben und weiteren 1,5 Stunden Recherche total übermüdet aus der Staatsbibliothek kommt? Klar, Coffee to go vom Café des Vertrauens. Bei mir ist das das „Lost Weekend“, direkt neben meinem Germanistik-Institut. Nicht zuletzt, weil sie ausschließlich vegane Snacks und Getränke anbieten und das, ohne dass es der, der es nicht weiß, merkt. Schon wieder viel für die Umwelt getan. Als ich also dort stehe und bestelle, komme ich ins Gespräch mit der netten jungen Frau, die mir mit viel Liebe meinen Cappuccino mit Sojamilch zubereitet. Ich bestelle ihn „to go“ und füge hinzu: „Bitte im Recup-Becher.“ Ich weiß, dass sie diese Pfand-Becher anbieten und finde die Aktion super. Für nur 1 € was für die Umwelt und gegen die Wegwerfkultur getan. Doch was ich dann höre, verschlägt mir fast die Sprache.

Ich erfahre, dass das Lost Weekend inzwischen sowieso nur noch Recup-Becher ausgibt und mein naturverbundenes Öko-Herz macht einen kleinen Freudensprung – der jäh im Zusammenbruch endet. „Aber toll, dass Du Dich bewusst dafür entscheidest! Es ist schön, mal positives Feedback zu bekommen. Weil seit wir nur noch Recup-Becher ausgeben, kommen so viele Beschwerden.“ Ich frage ungläubig nach und bekomme die Antwort, die mir versichert, dass ich richtig gehört habe. Die Menschen beschweren sich, dass sie keine Wegwerfbecher für umsonst haben können und einige Kunden bleiben sogar ganz weg, seit die Aktion besteht.
Leute… was soll man dazu noch sagen? Ihr wollt also den EINEN Euro nicht zahlen, den ihr sogar wieder bekommt, wenn ihr den Becher zurück bringt? Ihr könnt hunderte von Euro für das neuste Handy, schicke Klamotten und eure Miete, für Fernseher, Möbel und zwei Flüge pro Jahr in den Urlaub ausgeben, aber nicht EINEN für eine etwas bessere Zukunft? Nicht mit diesem winzigen Betrag dafür sorgen, dass nicht mehr stündlich 320.000 Coffee to go-Becher* verbraucht werden und das allein in Deutschland? Ihr wollt etwas kostenlos, das ihr dann in den nächsten Müll schmeißen könnt?

Alles klar. Dann lasst uns ein kleines Gedankenspiel daraus spinnen.

Euer Mitbewohner, der sich mit euch natürlich als solcher die Miete teilt, bildet sich ein, dass er eigentlich mal lieber was umsonst hätte. Er hat keine Lust mehr, seinen Mietanteil weiterhin zu bezahlen, möchte aber natürlich weiterhin so wohnen und sich verhalten wie zuvor. Er hört also auf, die Miete zu bezahlen und es flattern die ersten Beschwerden vom Vermieter ein. Ihr seid gezwungen, euch zu rechtfertigen, den Vermieter interessiert es aber herzlich wenig, welche Probleme ihr mit eurem Mitbewohner habt. Er will Geld sehen.

Würdet ihr, um den fehlenden Anteil zu begleichen, für euren Mitbewohner bezahlen?

Einfach nur, weil er keine Lust hat und sich darüber beschwert, dass er für seine Unterkunft Geld ausgeben muss? Oder würdet ihr ihm sagen, dass er gefälligst aufhören soll zu spinnen und er, wenn er weiterhin in seiner gewohnten Umgebung wohnen will, eben auch dafür bezahlen muss? Ich denke, ihr würdet euch für letzteres entscheiden. Denn das ist die einzig vernünftige und pflichtbewusste Lösung.

Wenn man verbraucht, muss man etwas zurückgeben – einfach nur zu nutzen und Ballast zu schaffen, ohne dafür die Verantwortung zu übernehmen, muss irgendwann im Chaos enden, spätestens dann, wenn das Ungleichgewicht so mächtig wird, dass die Konsequenz nur noch ein Zusammenbruch sein kann.

Der wäre bei Deinem Mitbewohner vielleicht ein Ausbruch von Aggression deinerseits oder von Seiten des Vermieters, der in letzter Konsequenz für Deinen Mitbewohner auf der Straße endet.

Denn ohne Miete keine Wohnung. So einfach ist das.

Jetzt lass uns dieses Modell auf die Recup-Becher übertragen. Die Natur ist Deine Wohnung. Du bewohnst sie, sie gehört Dir nicht. Wenn Du nicht bereit bist, Einsatz zu bringen für den Schutz Deiner Umgebung und diesen, vielleicht auch symbolischen, 1€ für sie zu bezahlen, entsteht ein Defizit, wie bei Dir und Deinem Mitbewohner. Mit dem einzigen Unterschied, dass der hier Betroffene nicht für sich selbst sprechen kann und dadurch automatisch für den anderen bezahlt, ohne sich dagegen wehren zu können. Dieser Jemand ist die Natur. Sie zahlt den Preis, den Du nicht bereit bist zu geben. Da sie nicht einfach von Dir verlangen kann, für den Raum, den sie Dir bietet, aufzukommen oder etwas dafür zurück zu geben, geraten wir in eine Situation von Verantwortung ihr gegenüber. Du entscheidest: Übernimmst Du Verantwortung und tust das, was Du verpflichtet bist zu tun, zahlst also Deine Miete dafür, dass Du in der Natur leben darfst oder tust Du es nicht? Bist also mit dafür verantwortlich, wenn alles um Dich herum kaputt geht?

Oder anders ausgedrückt: Ohne Rücksicht keine Natur. So einfach ist das.

Ich stehe im „Lost Weekend“ und wundere mich. Doch dann fällt es mir wieder ein: Stimmt, in unserer Gesellschaft hat doch heutzutage nur noch das einen Wert, was Geld kostet und was dem eigenen Vorteil dient. Dabei ist das kein Wert. Geld ist nichts als ein Zahlungsmittel. Du schaffst keine Werte, indem Du Dir ein neues Auto kaufst oder im Restaurant um die Ecke essen gehst. Du schaffst auch keinen Wert, wenn Du Dir ein Schnitzel für 99 Cent schmecken lässt. Viel mehr Wert generiert der, der mitmacht, anderen ein Vorbild ist und so dazu beiträgt, dass irgendwann alle Verbraucher*innen Recup-Becher für einen Euro kaufen – um die zu entlasten, die sonst dafür bezahlt – unsere Umwelt, MIT der wir leben.

* Quelle: Deutsche Umwelthilfe e.V. (Stand 2018)

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