Viel nackte Haut

by Elisa
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Lass uns mit einem Rätsel beginnen:
Was ist das:

Ein kaputter Vibrator? Nein, nicht ganz. Aber mit Sex hat es auf jeden Fall was zu tun. Was Du da hören kannst, ist Grasfroschgesang, den ich bei einer unserer diesjährigen Frosch- und Krötensammelaktionen aufgenommen habe. Ich bin jetzt schon im vierten Jahr dabei und möchte Dir berichten, wie prickelnd so ein Kröten- und Froschsammlerleben sein kann. Die Tiere stimmen ihren Gesang an, um eine potentielle Geliebte anzulocken und immer dann, wenn es dunkel ist, also zur richtigen Zeit für die schönste Nebensache der Welt.

Dabei stören sich diese kleinen Männer nicht daran, den Aufruf an die Frauen gleich im Kollektiv zu starten. Der andere will zuschauen? Kein Problem, dabei kommen sie erst richtig in Fahrt. Ein Dreier ist für sie kalter Kaffee – Gruppensex ist die Devise. Doch bevor die Grasfroschmänner ihre Backen aufblasen und ihre vibrierenden Klänge von sich geben können, müssen sie erst einmal einen langen Weg zu ihrem Geburtsgewässer zurücklegen. Denn das ist das Liebesnest und gleichzeitig die Geburtsstätte der Nachkommen. Der Weg dorthin birgt viele Gefahren, aber was tut man nicht alles für eine Vereinigung mit der Liebsten? Begleitet werden sie dabei von den Erdkröten, deren Ziel genauso das lang ersehnte kühle Nass ist. Glücklich schätzen kann sich dabei derjenige, der es schafft, ein Weibchen schon unterwegs zu besteigen.

Krötenweibchen mit einem deutlich kleineren Krötenmännchen auf dem Rücken.
© Elisa Hanusch

Sobald ein Kröten- oder Grasfroschmann eines unter sich spürt, klammert er sich fest, als ginge es um Leben und Tod. (Geht es ja in gewisser Weise auch). Dieser enorme Drang nach dem Ritt ihres Lebens führt schon mal zu ungewöhnlichen Vorlieben. So tun es zur Not sogar die Finger einer Sammlerin, die das Tierchen aufhebt, um es sicher ins Wasser zu bringen. Oder man klammert sich an ein bereits auf einem Weibchen platziertes Männchen, um ihm den Platz streitig zu machen. Die Weibchen bringt das übrigens nicht aus der Ruhe. Sie schreiten zielstrebig voran und lassen die Männer ihren Geschlechterkampf zur Not eben auch auf ihrem Rücken austragen. Stolz und zielstrebig gehen sie ihren eigenen Weg, während die Herren mit ihren Rangeleien um den besten Platz beschäftigt sind.

Vielleicht sollte man sich als Frau viel öfter ein Beispiel daran nehmen.

Damit bei der Wanderung alles glatt läuft, starten die Kröten und Frösche ihre Reise am liebsten, wenn es warm, feucht und dunkel ist. Ideale Bedingungen, um schnell voran zu kommen und das Ziel sicher, angenehm und ohne viele Reibereien zu erreichen. Probleme bereiten nur die Straßen, die ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Mit Zäunen und Eimern, die die Ortsgruppen des Bund Naturschutz errichten, wird Abhilfe geschafft. Manchmal braucht es eben neben einem feuchtwarmen Milieu noch ein paar andere Hilfsmittel um auf die Sprünge zu helfen. Es muss Hand angelegt und dabei behutsam vorgegangen werden. Ein falscher Kniff und der Antrieb ist dahin. Und zu lange darf es auch nicht dauern, sonst werden die Herren ganz unruhig und beschweren sich lauthals. Außerdem darf man nicht zu grob hinlangen, denn die Kleinen sind empfindlich und mögen es nicht, wenn man sie zu ruppig anfasst. Darum hebt man sie behutsam an und setzt sie sanft in das endlich erreichte Nass. Hier fühlen sie sich sofort pudelwohl und nachdem sie anfangs noch ein bisschen steif und langsam waren, bewegen sie sich, kaum dass sie die nasse Oberfläche berühren, gekonnt fort. Sie tauchen unter und sind schon bald in den Tiefen verschwunden.

An dieser Stelle möchte ich gerne ein beliebtes Vorurteil aus der Welt schaffen:

Glitschig sind sie nur, wenn sie feucht werden, dann können sie einem schon mal aus der Hand flutschen. Das Gerücht, sie wären es auch im trockenen Zustand, stimmt nicht. Sind sie trocken, fühlen sie sich ganz weich, glatt und kühl an.

So aufregend das Vorspiel ist, so gesittet ist der sexuelle Akt selbst. Schlüpfrig sind dabei nur die nassen Frösche und Kröten selbst, alles andere findet außerhalb statt. Fantastisch ist er aber trotzdem: Wenn die Weibchen eine bestimmte Köperhaltung einnehmen, ist es für die Männchen das Zeichen, ein bisschen nach unten zu rutschen und mit ihren Hinterbeinen eine Art Schale zu bilden, in der sie den von den Weibchen abgestoßenen Laich auffangen und anschließend sicher mit ihrem Samen übergießen können. Zu einer Penetration kommt es also nicht. Aber vielleicht ist die ausgiebige Vorarbeit und das Eintauchen in das so lang ersehnte Nass schon Befriedigung genug und die Befruchtung der Eier nur ein notwendiges „Übel“. Wenn man die Kleinen mehrere Jahre mit ihrem ganzen Elan und ihrer unwahrscheinlichen Antriebskraft erlebt, könnte man fast meinen, ihre ganze Beglückung läge im Weg selbst, statt im Höhepunkt, der mit befruchtetem Laich endet. Wenn der schlüpft sieht es übrigens so aus:

Erinnern Dich diese kleinen, zappeligen Kerlchen mit ihren so lustig hin- und herwedelnden Schwänzchen, an irgendwas?

Das Prozedere der Frösche und Kröten wiederholt sich jährlich, je nach Temperatur, in der Zeit zwischen März und April jeden Abend. Je feuchter und wärmer es ist, umso besser und umso mehr gibt es zu tun. Bei idealen Bedingungen können an einem Sammelabend schon mal 300-400 Tiere unterwegs sein. Nächtelang sind wir mit unseren Eimern unterm Arm durch die Gegend gestreift und haben diese kleinen Tierchen eingesammelt. Sind manchmal verzweifelt und mussten sie aus den misslichsten Lagen befreien. Mussten zusehen, wie sie vor unseren Augen überfahren wurden. Doch gerettet haben wir tausende – allein in diesem Jahr 4.400 Tiere.
Ich jedenfalls hab die Hüpfer wirklich lieb gewonnen und freue mich schon wieder auf nächstes Jahr, wenn es wieder ans Einsammeln geht. Und ganz nebenbei kann es doch auch als Sammlerpaar in einer lauen Nacht ganz nette und anregende Gespräche geben? Ganz nach unserem Motto:

Be sexy – save nature! Die Kröten brauchen Dich!

Deine Elisa

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