Die Augen sind blind, man muss mit dem Herzen suchen

by Elisa
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Es ist nicht immer einfach, ich zu sein. Manchmal ist es sogar verdammt schwer. Dann türmen sich Gedanken, Gefühle, Sorgen und Unsicherheiten vor mir auf, wie ein riesiger Berg, der alles in seinen Schatten stellt und der unüberwindbar erscheint. Ich stehe davor, schaue ihn mir an und kann nichts tun. Ich frage mich zwar, wie ich da jetzt rüber komme, aber mir fällt einfach keine gute Lösung ein. Die Suche danach lähmt mich und ein Gelähmter kann sowieso keinen Berg überwinden. Zumindest ich nicht, Michael Teuber hat es, trotz Querschnittslähmung tatsächlich geschafft, den Kilimandscharo zu erklimmen. Was daran sichtbar wird, ist, dass so groß der Berg und die Hindernisse auch sein mögen, oft nur die richtige Ausrüstung reicht, um ihn – wenigstens eine Zeit lang – ganz klein erscheinen zu lassen. Auf der Suche nach so einer Ausrüstung bin ich am vergangenen Sonntag weg gefahren. So ganz spontan – sogar bis in ein anderes Land.

Ja gut, so spektakulär war es dann doch nicht. Aber wer das Glück hat, im Allgäu zu wohnen, der ist eben auch schnell mal in Österreich, bzw. in Tirol. Am Samstag saß ich noch auf der Couch und hab in stundenlanger Feinstarbeit die Rauputzteilchen an meiner Wand gezählt. Ihre kleinen Schatten und ihre Stuktur begutachtet und ihre Anordnung bewundert. Das Stressmonster saß mir gegenüber, hat mir dabei zugesehen und mich ausgelacht. Ich hab es nicht beachtet – oder zumindest versucht, mich von der eigentümlichen Erscheinung der Rauputzteilchen ablenken zu lassen. Das Flimmern des Fernsehers hat mich dabei unterstützt. Während ich da so saß, durchsäuselte mein Ohr dieses Interview mit einem Archäologen, der in den Kalkalpen nach fossilen Ablagerungen sucht. Ein Gefühl der Unruhe kam in mir hoch. Google Maps durchkreuzte meinen insgeheim geschmiedeten Plan mit dem Hinweis, dass ich dorthin, wo der Archäologe ist, über 2 Stunden fahren muss. Dankenswerterweise vertröstete es mich aber mit ein paar anderen Vorschlägen, wo ich sonst noch die Gegend unsicher machen und die Rauputzteilchen sich selbst überlassen könnte: „Plansee“ – das klingt gut. Und auch nur 46 km entfernt. „Morgen fahre ich da hin.“ Gesagt getan, eine Frau ein Wort, am nächsten Tag machten wir uns zu dritt auf den Weg ins Unbekannte. Ich war so lange nicht mehr weiter weg als man mit einer halben Stunde Autofahrt schafft, dass ich, trotzdem ich nicht vor hatte, in die Sahara oder den Urwald zu reisen, richtig nervös war. Und ich freute mich riesig, endlich mal wieder raus zu kommen. Nicht nur raus aus den allseits bekannten vier Wänden, sondern auch raus aus mir selbst. Das schaffe ich nur, wenn ich von Natur umgeben bin. Und darum habe ich auch mit diesem Blog begonnen – weil ich weiß, dass die Lösung allen Übels wäre, die Leute wieder dorthin zurück zu führen. Alles andere würde sich dann automatisch fügen.

Plansee © Elisa Hanusch

Über die Liebe zur Natur entsteht die Liebe zu den kleinen Dingen, die Liebe zu den Tieren – und damit meine ich ALLE Tiere – und diese Liebe fordert geradezu einen respektvollen Umgang mit dem, den ich da liebe – die Natur, die Tiere, alles, was uns diese Erde schenkt. In dieser liebevollen Beziehung hat für mich Gewalt und Rücksichtslosigkeit keinen Platz. Das ist keine Liebe, das ist Heuchelei.

© Plansee

Wenn ich in der Natur bin, dann löse ich mich selbst auf. Ich bin nur noch, was ich sehe. Diese unendlichen Eindrücke, die mich umgeben, nehmen mich so in ihren Bann, dass ich nichts mehr denken kann oder muss, sondern dass es reicht, all das Gesehene in mir aufzunehmen und ganz dazu zu werden. Am Plansee angekommen, ist es mir so gegangen. Das Rauschen des Wassers, seine Farben, das Weiß des Gesteins, das schon so unendlich viel mehr gesehen hat, als der winzige Mensch es jemals kann, das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, das Zirpen der Grillen, das Flügelschlagen eines vorbeihuschenden Vogels – ich könnte stundenlang weiter aufzählen, was da alles vor uns lag. Einfach so. Ohne Eintritt zahlen zu müssen. Der ganze Reichtum ist für nichts mehr zu haben, als ein bisschen Respekt.

Plansee © Elisa Hanusch

Du bist ewig für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.

Und so wie der kleine Prinz für seine Rose verantwortlich ist, sind wir für die Natur verantwortlich, unsere Umwelt, mit der wir uns vertraut gemacht haben. Diese Natur hat mir an diesem Sonntag so viel Trost gegeben, mich vergessen lassen, was woanders auf mich wartet, die ganze Mühe und der Aufwand, den man sonst betreiben muss, um zu leben. Darum bin ich diesem Tag so dankbar. Und mir ist klar geworden, dass man viel öfter raus gehen sollte, weg vom Menschengemachten, vom Unehrlichen, von dem, was etwas kostet und was nur der bezahlen kann, der Geld hat, aber vielleicht keine Liebe. Die Natur kann man nur mit der Liebe bezahlen, die man ihr entgegenbringt. Und die kann jede_r geben, wenn er nur will.

© Elisa Hanusch

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