9. TÜRCHEN – Der Eremit

by Elisa
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Die Idee eines geschriebenen Adventskalenders hat mich schon letztes Jahr begleitet – leider war der Plan wie so oft zu groß, um von mir umgesetzt zu werden. So hab ich 2019 gerade mal bis zum 08. Dezember durchgehalten, jeden Tag ein kleines Textchen zu veröffentlichen, dass die jeweilige Zahl auf dem Adventskalendertürchen zum Thema hat. Heute ist der 09.12., also ein guter Zeitpunkt, um da weiterzumachen, wo ich vor 365 Tagen aufgehört hatte. Damals war alles noch ganz anders – von Corona keine Spur. Nie hätten wir gedacht, dass wir jetzt in einem Lockdown sitzen und Weihnachten womöglich nicht mit unseren Familien verbringen können. Dass das Fest der Liebe überschattet wird von mehr und mehr Toten, die dem Virus zum Opfer fallen und alleine auf Isolationsstationen sterben. Als ich meine Freundin Sarah fragte, was ihr zur Zahl neun einfällt, nahm sie ihre Tarot-Karten zur Hand, die 9 mit dem Eremiten verbinden. Etwas, das doch perfekt zu unserer aktuellen Situation passt. Der heutige Tag ist also ihm gewidmet.

Der Eremit – Wortbedeutung und Ursprung

Egon Schiele | Die Eremiten | 1912 © Leopold Museum, Wien, Inv. 466

Wie ich das in der Uni so gelernt habe, schlage ich auf der Suche nach Wissen erstmal in Büchern nach. Glücklicherweise bin ich stolze Besitzerin einer kleinen Bibliothek mit rund 500 davon, wozu auch ein guter, alter Brockhaus gehört. Unter dem Stichwort „Eremit“ verweist er auf „Einsiedler“ und definiert diesen als „einzeln lebende[n] Mönch“ oder einen „Mensch[en], der die Einsamkeit liebt“. Etwas wenig Information, aber dennoch wird deutlich, dass der Eremit jemand zu sein scheint, der in der Einsamkeit etwas Positives zu finden weiß. Die Universität Würzburg bezeichnet Eremiten auf ihrer Ankündigung einer Tagung zu „Eremiten in Literatur und Kultur“ als „Figuren, die sich ganz bewusst oder auf Zwang hin isolieren, die sich nur vorübergehend von der Gesellschaft abkehren oder sich endgültig von der Welt entfremden. Je nach Perspektive können Eremiten als Wegbereiter einer alternativen Zukunft oder als Symptome einer kranken Gesellschaft verstanden werden.“ Wenn ich diese Definition lese, schlägt der kleine Rest meines Wissenschaftlerherzes höher und ich würde so, so, so gerne eine Arbeit darüber schreiben. Aber meine momentanen Lebensumstände geben mir dafür einfach keinen Raum.

Wie auch immer – der Eremit ist eine unglaublich spannende Figur, die Kultur und Kunst über Jahrhunderte prägte, die so sehr in unsere Zeit passt, der ich mich gerade hinsichtlich der Definition oft so sehr verbunden fühle, die wie keine andere eine Vorwärtsgewandheit und gleichzeitige Demonstration aktueller Missstände vereint – dass dieser Blogbeitrag dem nicht gerecht werden kann. Vielleicht kann ich an anderer Stelle tiefer darauf eingehen.

Weiter mit unserem Kalendertürchen.

Der Eremit in der Literatur

Ein Einsamer bietet sich für literarische Ergießungen geradezu an. Hölderlins Roman Hyperion beispielsweise ist untertitelt mit „Der Eremit in Griechenland“ – da ich ihn selbst (Schande über mein Germanistenhaupt) nicht gelesen habe, werde ich mir hier nicht erlauben, tiefer darauf einzugehen. Außerdem fand ich bei meiner Recherche ein Gedicht, das ich gerne mit Dir teilen möchte. Es stammt vom tschechischen, romantischen Dichter Karel Hynek Mácha und verdeutlicht, wie ich denke, sehr schön den obigen Ansatz.

Eremiten-Triptychon | Hieronymus Bosch | um 1495–1505 | Öl auf Eichenholz | Gallerie dell’Accademia, Venedig

DER EREMIT.

Wo im Tal im grünen Haine
Aus der dunkeln Kluft
Bei des Mondes düsterm Scheine
Dumpf der Uhu ruft,
Steht ein Kreuz aus grauem Steine
Niedrig nur gebaut,
Steht es schaurig ganz alleine,
Dass dem Wand’rer graut.

Da stand in des Tales Mitte,
Niedrig nur und klein,
Eine strohbedeckte Hütte
Einsam und allein.
Seitwärts stand ein kleiner Garten
Voll und früchtenreich,
Rings umgeben von dem zarten
Grünenden Gesträuch.

Sanft unter dem Hüttenfenster
Durch den Blumenschosz
Rieselte ein Bächlein, das sich
In den See ergoss,
Der am End‘ des Haines strahlte,
Wenn des Abends Glut
Golden bald, bald rötlich malte
Seine stille Flut.

Rechter Hand war die Kapelle
An den Fels gelehnt,
Deren kleines Glöckchen helle
Im Tal wiedertönt.
Täglich tönten Lobgesänge
Kleiner Vögelein
Auf zum blauen Himmelsbogen
Durch den grünen Hain.

Tief im düstern Hintergrund, von
Rosen rings umkränzt,
War ein moosbedeckter Hügel,
Wo ein Kreuz erglänzt.
Traurig senkten die Cypressen
Über dies ihr Haupt,
Selbst, wenn in dem grauen Winter
Ihres Schmucks beraubt

Alle Bäume trauernd schlafen,
Trauernd ruht die Flur,
Und in düst’res Grau gehüllet
Feiert die Natur.
Und wenn aus dem lichten Haine
Alle Vögel fliehn,
Kränzt der Eremit das Kreuz dort
Stets mit Immergrün.

Ihn zwang sein trauriges Schicksal
Und sein eisern‘ Los,
Hier im stillen Hain zu wohnen
In des Tales Schosz,
Einsam unbekannt zu leben,
Einsam untergehn,
Einsam in dem Grab zu ruhen,
Bis auf jenen Höhn

In den lichten Himmelsräumen
Wir uns wiedersehn,
Bis uns die Posaune rufet,
Und wir auferstehn.

Und wer jetzt heiß auf eine Eremiten-Geschichte geworden ist und mit Altdeutscher Schrift kein Problem hat, der findet unter folgendem Link „Die Papierfenster eines Eremiten“ von Karl Immermann aus dem Jahr 1822 zum kostenlosen Download.

Was wir vom Eremiten lernen können

Musizierender Einsiedler vor seiner Felsenklause | etwa 1856 / 1858 |
Öl auf Leinwand

Der Eremit liebt die Einsamkeit, das durften wir bereits lernen. Ich denke das wir – und dazu zähle auch ich mich – im Gegensatz zu ihm das damit verbundene Gefühl eher als negativ empfinden. Anders als das Alleinsein, also die Abwesenheit von anderen Personen, die man durchaus auch genießen kann, hat für mich Einsamkeit etwas von dem Gefühl, dass einem niemand zuhört. Einen niemand versteht. Man nicht dazugehört. Dass man seinen Platz in der Welt nicht findet. Gefühlt keiner die eigenen Ansichten teilt. All diese Empfindungen haben gemein, dass sie immer von anderen Personen abhängen. Wenn ich keine Person habe, die mir nicht zuhört, fühle ich mich auch nicht unverstanden. Wenn es keine Gruppe von Menschen gibt, zu der ich keinen Zugang finde, kann ich mich auch nicht unzugehörig fühlen. Wenn es kein Gegenüber gibt, mit dem ich meine eigenen Ansichten abgleichen kann, empfinde ich auch kein Ungleichgewicht. Und vielleicht ist das das Geheimnis des Eremiten – er ist in sich vollkommen und ruht in sich, unabhängig von anderen Menschen.

Corona-Lockdown – Die positive Seite der Zurückgezogenheit

Mit der Feststellung im letzten Absatz will ich natürlich nicht ausdrücken, dass es das Beste wäre, sich vollkommen aus der Gesellschaft zurückzuziehen und nur noch im Verborgenen – also wie ein Eremit – zu leben. Aber die Fähigkeit, mit dieser Situation zumindest zeitweise zurechtzukommen, ist bestimmt erstrebenswert. Ich denke, dass es viele, viele Menschen gibt, die mit sich selbst nichts anzufangen wissen. Für diese war der Lockdown und das plötzliche zurückgeworfen Sein auf sich selbst bestimmt besonders schwer. Da ich schon immer viel Zeit alleine verbracht habe, gibt es so viele Dinge, die mir einfallen, wenn ich Zuhause bin – aber ich weiß, dass es da vielen anders geht. Dabei fehlen vielleicht manchmal einfach Ideen. Einen kleine Inspiration von meiner Seite kann hoffentlich Abhilfe schaffen. Einige Vorschläge, was man mit sich selbst anfangen kann, findest Du in meinem letzten Blogbeitrag. Außerdem gibt es ein Video von mir, das ich am Anfang des ersten Lockdowns gedreht habe, das Dir weitere Ideen bietet. Für was der Lockdown aber auch Raum freimacht, ist ganz viel Me-Time.

Me-Time – die Einsamkeit zum Positiven wenden

Vielleicht ist es einigen unangenehm, in der Stille, die die Zurückgezogenheit mit sich bringt, ihre eigene Stimme plötzlich so laut zu hören. Gedanken rattern durch den Kopf, man ist gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das kann aber auch gut sein. Nutze doch die Zeit, Dich selbst besser kennen zu lernen. Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und sie zu befriedigen. Das kann alles sein. Von Aufblühen einer lange gewachsenen Knospe der Kreativität bis hin zur Erforschung des eigenen Körpers und der eigenen Lust. Es gibt so vieles, das in Dir schlummert – jetzt ist die richtige Zeit, um auf Schatzsuche zu gehen. Und so kannst Du dieser schwierigen Zeit vielleicht nicht mit Frust, sondern mit Neugierde auf die Begegnung mit Dir selbst gegenübertreten. Wenn das alles vorbei ist, gehst Du als selbstbewussterer Mensch aus dieser Krise hervor. Denn Krisen bieten immer auch die Chance, zu wachsen.

Mit zuversichtlichen Grüßen

Deine Elisa

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